Nachhaltigkeit in Covid-19-Zeiten: wichtiger denn je!

30.03.2020 | Gut zu wissen

In Krisenzeiten wie diesen ist recht wenig zu hören über das Thema Nachhaltigkeit: Die Gesundheit und die Sicherung der wirtschaftlichen Existenz sind – völlig verständlich – für viele Menschen aktuell dringlicher. Doch das Phänomen Covid-19 hängt eng damit zusammen, wie wir in natürliche Räume eindringen und sie ausbeuten. Die akute Krise mag irgendwann vorbei sein. Die chronische wird bleiben, wenn wir nicht konsequent umsteuern.

Contagion“ aus dem Jahr 2011 ist vielleicht der Film der Stunde: Bemerkenswert kühl, ohne typisches Pathos und ohne echte Helden eines gängigen Katastrophenfilms schildert Steven Soderbergh den Fortlauf einer Pandemie von den ersten Erkrankten über den Ausnahmezustand bis zu einem „new normal“. Staatlich und pharmaindustriell kontrolliert, per Lotterie nach Zufallsprinzip vergeben, erhalten die Bürger nach und nach ein Heilmittel.

Problem gelöst? Nein. Die entscheidende Szene kommt am Ende: Dort sehen wir den Anfang, den Ausbruch. Mit seinem Kot, der ins Futter gerät, infiziert ein Wildtier ein Nutztier, dieses landet als Lebensmittel auf den Grill und mit dem Fleisch gelangt der tierische Erreger in den menschlichen Körper. Genau das passiert immer und immer wieder. Häufig, aber nicht nur in China wie im Film und wie im aktuellen Fall – was da geschieht, geschieht global. Überall werden Rückzugsräume von Wildtieren, nennen wir sie ruhig „safe spaces“, zerstört. Allerorts dringt der Mensch in über lange Zeiten für sich allein existierende Ökosysteme ein, meist zur Erzeugung von Nahrungs- und Lebensmitteln. „Die funktionelle Vielfalt und Komplexität dieser riesigen Landflächen wird so vereinheitlicht, dass zuvor eingeschlossene Krankheitserreger auf die lokale Viehzucht und die menschlichen Gemeinschaften überspringen“, erklärt der Evolutionsbiologe Rob Wallace. Als Folge immer expansiverer Landnutzung, einhergehend mit Straßenbau und Versiegelung, werden nicht nur Biotope und kleinbäuerliche Strukturen zerstört – es werden auch „viele dieser neuen Krankheitserreger, die zuvor in den über lange Zeiträume entstandenen Waldökosystemen gebunden waren, freigesetzt und bedrohen die ganze Welt“, so Wallace. Richard Ostfeld, Wissenschaftler am Cary Institute of Ecosystem Studies in Millbrook, New York, dazu im The Guardian: „Es sind die menschlichen Aktivitäten, die den wirklichen Schaden anrichten. Die Gesundheitsrisiken in einer natürlichen Umgebung können viel schlimmer werden, wenn wir in diese eingreifen.“ „Wet markets“ wie jener in Wuhan, die es nicht nur in China, sondern in vielen Ländern gibt, sind  Schnittstellen, an denen die Übertragung zoonotischer Infektionskrankheiten und Erreger auf den Menschen geschehen kann – die Ursache, dafür, dass diese im wahrsten Sinne des Wortes virulent werden können, liegen davor und liegen tiefer. Kurz: Nicht die Natur ist die Bedrohung, sondern der Umgang des Menschen mit ihr.

Die Krise ist chronisch

Die aktuelle, akute „Corona-Krise“ ist hoffentlich bald vorüber. Das Problem an sich aber ist chronisch und braucht eine entsprechende Behandlung. Covid-19 kann ebenso wenig als Einzelfalls betrachtet werden wie zuvor Ebola, Sars oder die Vogelgrippe. Jeder neue Ausbruch, jede neue Epidemie oder Pandemie ist Teil einer großen Gesamtentwicklung, die menschengemacht ist. Der Klimawandel, um den es dieser Tage scheinbar so ruhig geworden ist, hängt eng mit dieser Entwicklung zusammen. Denn nicht nur tragen die klimatischen (ergo menschengemachten) Veränderungen dazu bei, dass die weltweiten Ökosysteme immer kleiner und anfälliger werden – wodurch sich bisher lokal verbliebene Infektionen und Krankheiten immer weiter ausbreiten, wie es aktuell beim Dengue-Fieber zu beobachten ist. Auch prähistorische Erreger und Krankheiten, die bis dato im „ewigen“ Eis gebunden sind, könnten durch dessen Abschmelzen zurück in die Welt kommen, beschreibt David Wallace-Wells in seinem Buch „Die unbewohnbare Erde“ beschreibt. Eine wahrhaft gruselige Aussicht.

Wir brauchen jetzt noch mehr Nachhaltigkeit

So sehr wir uns alle dieser Tage gegenseitig wünschen, gesund zu bleiben und „gut durch die Krise“ zu kommen, so nachvollziehbar es ist, dass viele Menschen – in der Hotel- und Gastronomiebranche ganz besonders – derzeit vor allem an ihre wirtschaftliche Existenzsicherung denken und so sehr Trendforscher uns Mut machend weissagen wollen, alles werde gut: Die eigentliche, chronische Krise lässt sich nur durch eine globale Hinwendung zur Nachhaltigkeit in all ihren Facetten behandeln – und vielleicht irgendwann überwinden. Agrarwende, Energiewende, Klimawende und Co.: Die Heilverfahren sind bekannt, das ist die gute Botschaft. Jetzt brauchen sie eine konsequente Anwendung.

Text: Jan-Peter Wulf

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